Denkraum

Ideen für das 21. Jahrhundert

Archiv für Oktober 2008

Das Wissen von morgen

Verfasst von Markus Wichmann am 22. Oktober 2008

Nachdem die Finanzmarktkrise in den letzten Wochen thematisch dominiert hat, hier wieder etwas potenziell Zukunftsweisendes.

Vermutlich kennen Sie bereits Edge. Wenn nicht, sollten Sie sich dieses feine Internetprojekt des amerikanischen Verlegers John Brockman im Bereich transdisziplinärer Wissenschaftskommunikation unbedingt einmal anschauen.

Kürzlich stellte Brockman seinen prominenten Autoren die Frage „Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können?“ Der „Spiegel“ liess die Antworten übersetzen und veröffentlicht sie z. Zt. online unter dem Titel „Das Wissen von morgen“. Denker wie Ray Kurzweil, Daniel Dennett, Richard Dawkins, Steven Pinker, Susan Blackmore oder Brian Goodwin erläutern ihre Lieblingsideen, ohne sogleich unter wissenschaftlichem Rechtfertigungsdruck zu stehen. Lesenwert.

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Der Finanzsektor im 21. Jahrhundert

Verfasst von Markus Wichmann am 18. Oktober 2008

Das hervorragende, in mehreren Sprachen erscheinende Project Syndicate veröffentlicht unter dem Titel „Finance in the 21st Century“ monatlich abwechselnd Kommentare und Analysen der Ökonomen Prof. Nouriel Roubini und Prof. Robert J. Shiller auch in deutscher Sprache.

„In their commentaries on Risk, Finance, and Human Behavior, written exclusively for Project Syndicate, Robert Shiller and Nouriel Roubini alternate each month to provide powerful, complementary insights into the finance of today and tomorrow. Those few who listened to them before the dot-com crash and the sub-prime collapse are incomparably better off today. What Shiller and Roubini say now is equally important for those who want to benefit from the innovations and avoid the pitfalls of Finance in the Twenty-First Century.“

Die deutschen Übersetzungen der überwiegend sehr interessanten Artikel wie „Die unvermeidliche harte Landung der Weltwirtschaft“ oder „Anatomie einer Finanzkrise“ wurden von Fachleuten vorgenommen und sind gut lesbar.

Zu Nouriel Roubini s. auch dieser Beitrag.

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Australiens Premierminister: „Extremer Kapitalismus gescheitert“ – „Obszönes Versagen“ der Investmentbanker

Verfasst von Markus Wichmann am 15. Oktober 2008

Klare Worte zu den Ursachen der Finanzmarktkrise fand heute der australische Premierminister Kevin Rudd vor dem Nationalen Presseclub in Canberra.

„Obscene failures in corporate governance (have) rewarded greed without any regard to the integrity of the financial system.“ („Durch ein obszönes Versagen von Corporate Governance ist Gier belohnt worden – ohne jede Rücksicht auf die Integrität des Finanzsystems.“) „Finance industry cowboys with multi-million dollar incentive packages“ seien entschieden zu weit gegangen.  «Diese Fehler waren nicht auf Unternehmen am Rande des Finanzsystems beschränkt», sagte Rudd. «Sie passierten in unseren großen globalen Finanzinstitutionen – den Investmentbanken der Wall Street, die die Säulen des globalen Finanzsystems bildeten.» Neue gesetzliche Regelungen sollen in Zukunft verhindern, dass Banken „big money for risky business behaviour“ bezahlen.

Der «extreme Kapitalismus» sei gescheitert. Die Regierung sei gezwungen gewesen einzuschreiten, um den Schaden zu begrenzen. „The events of recent days have seen the wealth of families, companies and even sovereign states stripped back to a degree and at a rate unprecedented in our lifetime. (…) What we have seen is the comprehensive failure of extreme capitalism – extreme capitalism which now turns to government to prevent systemic failure. The [same] institutions of government that extreme capitalism spent decades deriding.“

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„Zeittotschlagmaschine für die Ungebildeten“ – zu RR’s Medienkritik

Verfasst von Markus Wichmann am 14. Oktober 2008

Zur Abwechslung ein wenig Medienkritik. Reich-Ranickis wunderbare Attacke gegen den „Blödsinn“ der gegenwärtigen Fernsehunterhaltung ist Gegenstand einer ausgedehnten Debatte in den Feuilletons. „Der Tagesspiegel“  brachte heute einen klugen Artikel von Harald Martenstein über den „Partyschreck“, den „Zeit Online“ übernahm. Einige Auszüge:

„Der alte Mann brachte einen Mut auf, den nicht viele besitzen. Wer schafft es, Hunderten von Leuten geradeaus ins Gesicht zu sagen, dass man für dumm hält, was sie gerade stundenlang bejubelt haben? Während Reich-Ranicki redete, zeigten die Kameras Gesichter aus der Zuschauermenge, Ferres- und Kernergesichter. Das Dauergrinsen, das sie an diesem Abend trugen, ging nicht ab. Sie lächelten weiter. Anders können sie offenbar gar nicht. (…) Die Party ging weiter. In den Nachrichten machte man mit dem Eklat Werbung für die Sendung, die vorab aufgezeichnet worden war. „Topquote“, meldete stern.de, und: „Besser konnte es für das ZDF nicht laufen.“ Das System verdaut alles. (…)

Das größte Problem bestand allerdings in der Zeremonie des Verleihens. Die Zeremonie sollte auf keinen Fall nach „Kultur“ aussehen, nach Ernst, pathetisch gesagt, nach Wahrheit. Egal, wie ernsthaft, witzig oder engagiert die Sendungen im Einzelnen tatsächlich waren, es wurden fast immer dümmliche oder reißerische Passagen zusammengeschnitten. In Thomas Gottschalks Präsentation und in den Reden der Laudatoren verwandelten sie sich alle in harmlose Unterhaltung, in Partystimmung und Small Talk. Selbst die Oscar-Zeremonie, kein Ort, an dem ästhetische Revolutionen stattfinden, wirkt intellektuell, frech und selbstkritisch, verglichen mit dem Deutschen Fernsehpreis. (…)

Es ist kein Zufall, dass Reichs Nachfolgerin Elke Heidenreich nur noch lobt und niemals kritisiert. So hätten sie es gerne überall. Nicht meckern, nur feiern. Der Fernsehpreis soll den kritischen und deshalb lästigen Grimme-Preis in den Hintergrund drängen. So, wie Heidenreich Nachfolgerin Reich-Ranickis ist, wie die Filmindustrie den Deutschen Filmpreis auf Mainstream zu trimmen versucht, wie die hübsche Katharina Wagner statt der intellektuellen Nike Wagner Bayreuth übernimmt, wie das Wort Bestsellerautor den Begriff Schriftsteller verdrängt, wie fast überall seit Jahren die Bilder größer werden und die Texte kleiner. Man hat das Gefühl, als solle das Publikum umerzogen werden, hin zur Anspruchslosigkeit von Maden. (…)

Aber Kultur kann mehr, im Fernsehen, in der Literatur, überall. Es ist möglich, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, es ist möglich, etwas zu durchschauen, es ist möglich, erschüttert, entzückt oder wütend zu sein. Kitsch schafft das nicht, Kalauer schaffen das nicht. Ein Fernsehen, das sich so präsentiert, als sei es nicht statthaft, über Kitsch und über Kalauer hinauszudenken, schafft sich als kulturelle Institution selber ab. Es wird zu einer Zeittotschlagsmaschine für die Ungebildeten, die anderen wandern ins Internet ab. Dort gibt es alles.“

Dazu ein FAZ-Interview mit Reich-Ranicki nach seinem Auftritt und Elke Heidenreichs sehr persönlicher Bericht über die Veranstaltung.

Gute Gelegenheit, mal wieder auf Neil Postman hinzuweisen, mit seiner Warnung, dass wir uns noch zu Tode amüsieren – ein Klassiker der Medienkritik. „Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert“, so ein berühmtes Diktum von Postman. Hier eine Zusammenfassung seiner Thesen.

15. Okt. 2008: „Götz George springt Reich-Ranicki bei“ (Focus)

17. Okt. 2008: „Reich-Ranicki-Talk – Gottschalk erwartet keinen Effekt“ (Spiegel)

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Werden wir jetzt massenhaft kapitalismuskritisch?

Verfasst von Markus Wichmann am 14. Oktober 2008

Schön wär’s, aber ich mag noch nicht daran glauben. Andere sind da optimistischer: Frank Schirrmacher (FAZ) zum Beispiel. In einem klugen Kommentar in der FAZ vom 11. Okt. 2008 hält er es für ausgemacht, dass die Finanzkrise unser Denken nachhaltig verändern wird. Hier die wesentlichsten Auszüge:

„Warum haben (…) Gesellschaften und Institutionen den Ruin vor Augen und gehen doch hinein? Das ist die Frage, mit der sich das amerikanische Repräsentantenhaus Anfang der Woche in seiner Anhörung zum Bankrott von Lehman Brothers befasste. Wie konnten die Manager der Bank noch so tun, als sei nichts, obwohl ihnen seit Monaten bekannt war, dass ihr Geschäftsmodell in die Luft fliegen würde? Die Antwort lautet: Lehman dachte, dass ein Zusammenbruch alle anderen auch treffen und sich auf sehr viele Leute verteilen werde; folglich werde der Staat einschreiten müssen.

Uns wird gerade beigebracht, dieses Verhalten „Gier“ zu nennen. Doch für die akute Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung ist „Gier“ die harmloseste aller Erklärungen. Vielleicht wird sie deshalb so gerne gegeben. In den letzten zwei Wochen wurde in mehr als dreitausend Artikeln gegen die alte Todsünde gepredigt; mittlerweile ist man, wie die Schlagzeile einer Wirtschaftszeitung lautete, bei der „Gier der kleinen Leute“ angekommen. Gier ist schlecht, aber menschlich. So gesehen, wäre die gegenwärtige Krise nichts als ein Routinetermin im permanenten Strafgericht Gottes über die Menschen.

Gesellschaften wurden zivilisiert, um genau das zu verhindern, was nun möglich scheint: dass sie durch rücksichtsloses Handeln Einzelner zerstört werden. Wenn dieser Schutz nicht mehr garantiert ist, beginnt das große Zweifeln an der Gesellschaft und an der Tragfähigkeit ihrer bisherigen Vernunft. Das ist die gegenwärtige Lage der Politik. Aber weil Millionen Deutsche während des letzten Jahrzehnts gedrängt wurden, ihr Leben neoliberal umzustellen, den Finanzmärkten zu trauen und dem Staat zu misstrauen, ist es auch die Lage jedes Einzelnen. Er muss einsehen, dass die Vernünftigkeit seiner wichtigsten Lebensentscheidungen auf einem rein spekulativen System basierte.

Die Isolierung der Eliten

Welche Gründe hat es, dass wir in einer Gesellschaft leben, die im Begriff ist, nach ihren natürlichen Lebensräumen nun auch ihre soziale Umwelt, die Lebenszeit einer ganzen Generation, sehenden Auges zu ruinieren? Jared Diamond hat in seinem Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ die Ursachen genannt, die Eliten überhaupt die Chance geben, ihre Gesellschaften zu zerstören. „Sie fühlen sich sicher, weil sie sehr konzentriert und in überschaubarer Zahl auftreten. Sie sind durch die Aussicht auf schnelle, sichere Profite hoch motiviert, während sich die Verluste stets auf eine sehr große Zahl von Individuen verteilen.“

Das ist exakt das Kalkül, das der Kongressausschuss bei Lehman Brothers vorfand. In der mittleren Verlustzone, so Diamond, verzichtet der Einzelne auf juristische Aktionen, weil er angesichts der Masse an Betroffenen gar keine Chance auf Entschädigung sieht. In der großen Verlustzone trifft es dann alle, aber nun ist der ohnehin schon geschädigte Staat praktisch gezwungen, systemstabilisierend tätig zu werden, auch wenn es ihn selbst an den Rand des Abgrunds führt.

Nach Diamond steigt die Bereitschaft handelnder Eliten, eine Gesellschaft zu ruinieren, proportional mit ihrer Möglichkeit, sich von der Gesamtgesellschaft ökonomisch zu isolieren. Je mehr ihnen diese Isolierung gelingt, desto weniger werden sie von den Folgen für alle betroffen sein. Den Rest des Beitrags lesen »

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Wirtschaftsnobelpreis an Paul Krugman

Verfasst von Markus Wichmann am 14. Oktober 2008

Großartig. Ermutigend.

Hier der Link zu Krugmans einfussreichen und äußerst lesenswerten Blog „The Conscience of a Liberal“ bei der New York Times – u.a. mit dem Eintrag vom 13. Oktober: „An interesting morning: A funny thing happened to me this morning…“

Einige weitere Informationen und Artikel zu Paul Krugman:

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„Vor dem Absturz noch ein paar Millionen mitnehmen“: Aus dem Innenleben von Wall Street

Verfasst von Markus Wichmann am 13. Oktober 2008

Am 11. Okt. 2008 veröffentlichte die FAZ unter dem Titel „Soll und Haben“ einen autobiografischen Bericht eines Wall Street Bankers, in dem dieser Denkweise und Lebensstil eines typischen Investmentbankers beschreibt, aber auch den gewaltigen Veränderungsprozess, den diese Branche derzeit durchmacht. Ich empfehle diesen Insiderbericht wärmstens. Nachfolgend einige Ausschnitte:

„Ich arbeite an der Wall Street, und ich will dort auch weiterarbeiten. Darum kann ich Ihnen weder meinen Namen noch den meines alten oder neuen Arbeitgebers nennen. Jetzt schon gar nicht, da jeder froh sein kann, wenn er noch einen Job hat. Aber auch in den allerbesten Zeiten, als die Kurse stiegen, die ganze Welt bei uns investierte, wäre keine Firma entzückt gewesen, wenn ein Angestellter aus dem firmeneigenen Nähkästchen geplaudert hätte. Was an die Öffentlichkeit dringen soll, wird heute wie damals genau kontrolliert. (…)

Der Glaube an die eigene Allmacht

Manchmal sehe ich die Kinder die ganze Woche nicht. Morgens, wenn ich um fünf Uhr aufstehe, schlafen sie noch, und abends, wenn ich um elf Uhr nach Hause komme, schlafen sie schon. Das ist das bei weitem Schlechteste an meinem Job. Das Gute ist, dass ich die Wochenenden frei habe. Ich handle seit zwanzig Jahren mit high yields, also mit Hochzinsanleihen, und die rund zwanzig Finanzinstitute, mit denen ich ständig in Kontakt bin, sind von Freitagnachmittag bis Montagmorgen geschlossen. Dafür muss ich werktags um sieben Uhr im Büro sein und nach Büroschluss an drei, vier Tagen in der Woche Geschäftspartner ausführen. (…)

Es herrschte in der Tat eine Atmosphäre, wie man sie aus dem Film „Wall Street“ und Tom Wolfes Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ kennt, mit Finanzgenies, die sich für allmächtig halten, dicke Zigarren anzünden und die Hosenträger klatschen lassen.

Die Schraube noch ein bisschen weiter drehen

Im Jahr 2006 hatte diese Euphorie wohl ihren Höhepunkt erreicht. Anfang 2007 dachten wir schon, die Party könne nicht so weitergehen, aber sie ging weiter, und weil sie immer ausgelassener weiterging, weil die Gewinne immer fabelhafter wurden und der Druck, Gewinne zu machen, immer stärker, feierten die meisten weiter mit. Obgleich jeder sehen konnte, dass auch die Risiken im selben Maße wie die Gewinne zunahmen. Jeder war sich bewusst, dass irgendwann ein Rückschlag kommen musste, aber jeder dachte sich auch: Vielleicht können wir die Schraube noch ein bisschen weiterdrehen und vor dem Absturz noch ein paar Millionen mitnehmen. (…)

Keiner hat es geahnt

Allesamt hatten wir an der Wall Street keine Zweifel, dass uns eine Korrektur, wahrscheinlich sogar ein dramatischer Abschwung bevorstünde. Keiner, wirklich keiner hat geahnt, dass eine solche Katastrophe eintreten, dass der Wirtschaftszyklus völlig außer Kontrolle geraten könnte. Wir sahen zwar, wie immer mehr Leute, mit denen wir noch nie etwas zu tun hatten, auf die etablierten Märkte drängten und nach schnellen Deals Ausschau hielten: morgens kaufen, nachmittags mit einem Riesengewinn verkaufen. Das machte viele altgediente Finanzleute nervös. (…) Den Rest des Beitrags lesen »

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Finanzmarktkrise: Herausragende Presseartikel

Verfasst von Markus Wichmann am 11. Oktober 2008

Die Qualität der Kommentare und Analysen zur Finanzmarktkrise in den Medien ist höchst unterschiedlich. Während das Gros der Presseartikel im wesentlichen die mittlerweile gut bekannten Fakten und Ansichten variiert, finden sich hin und wieder Stellungnahmen, die sich durch besonderen analytischen Tiefgang, unkonventionelle Ideen oder brillante Argumentation auszeichnen. Sie werden an dieser Stelle gesammelt.

Lageberichte

Hintergrundberichte (was schief ging und wie es dazu kam)

Makroökonomische Analysen

Kommentare

  • Leitartikel „Das Spiel ist aus“ von Robert von Heusinger in der Frankfurter Rundschau vom 8. Okt. 2008
  • „Moment of Truth“ – Paul Krugman in der New York Times vom 9. Okt. 2008 (Vier Tage später erhielt Paul Krugman den Wirtschaftsnobelpreis.)
  • „Was wird morgen sein?- Frank Schirrmacher geht in der FAZ am 11. Okt. 2008 davon aus, dass die Finanzmarktkrise unser wirtschaftspolitisches Denken grundlegend in Richtung einer Kritik am Kapitalismus und an der Globalisierung verändern wird. Evtl. ist er da zu optimistisch.
  • „Schließt das Finanz-Casino!“ – Gastkommentar des Attac-Finanzmarktexperten Stephan Schilling in der Berliner Zeitung vom 11. Okt. 2008: (Mit dem Finanzmarktkapitalismus hat sich) „auch das Verhältnis zwischen Realwirtschaft und Finanzsystem pervertiert. Der Renditedruck gigantischer Vermögen, die auf der ganzen Welt nach profitablen Anlagen suchen, ist in alle Poren des wirtschaftlichen und sozialen Lebens eingedrungen.“
  • „Banken gerettet, Staat pleite“ – Kolumne von Wolfgang Münchau in der Financial Times Deutschland vom 15. Okt. 2008: Mit dem europäischen Rettungspaket haben wir ein privates Kreditproblem womöglich in ein weltweites Solvenzproblem transformiert – wenn schließlich der globale Bondmarkt einbricht.

Interviews

  • „Es ist ein Horror“ – Globalisierungskritikerin Saskia Sassen in der taz vom 22. Sept. 2008 über die Finanzkrise: Als Interview eher misslungen und schlecht übersetzt, aber – leider nur in Andeutungen – eine hochinteressante Sichtweise der tiefergehenden systemimmanenten Ursachen und Mechanismen der Krise (auch einige der Kommentare dazu sind lesenswert)
  • „Die Banker haben die Marktwirtschaft verraten“ – Interview mit Altbanker Ludwig Poullain (88) in der FAZ vom 6. Okt. 2008
  • „Schlimmer als die Große Depression“ – Interview mit Wirtschaftnobelpreisträger Joseph Stiglitz in der Berliner Zeitung vom 9. Okt. 2008
  • „Finanzindustrie hat zu viel Einfluss“ – Interview mit dem Ökonomen Jagdish Bhagwati im Handelsblatt vom 10. Okt. 2008 – „Jagdish Bhagwati gilt als Guru der Globalisierung und ist einer der weltweit führenden Ökonomen. Im Interview mit dem Handelsblatt kritisiert der Inder das Netzwerk einer Machtelite aus Politik und Finanzwirtschaft.“ Die Kritik beschränkt sich auf Auswüchse der Finanzindustrie – Kontrast zu Stiglitz.
  • Kapitalismuskritik: „Phantastischer Gedächtnisverlust“ – Altmeister Hans Magnus Enzensberger am 3. Nov. 2008 im „Spiegel“ über die zyklischen Krisen, die der Kapitalismus unvermeidlich immer wieder hervorbringt.

Dokumente

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„Steinbrück, Du hast keine Wahl“: Schreiben von Bundesbank und BaFin an den Finanzminister

Verfasst von Markus Wichmann am 10. Oktober 2008

In einem Schreiben vom 29. September 2008 erläutern Bundesbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) dem Finanzminister, warum es zu einer Rettung der Hypo Real Estate Bank keine Alternative gibt, und warum der Staat sich mit einer Milliardenbürgschaft daran beteiligen muss. Stand der Dinge war die Situation zum Zeitpunkt des ersten Rettungspakets, das bereits einige Tage später umfangreich nachgebessert werden musste.

Zuerst berichtete die Süddeutsche Zeitung über das Schreiben, mittlerweile finden sich Kopien davon im Internet. Wer sich aus erster Hand einen Eindruck verschaffen möchte, an welchem Abgrund unser Finanzsystem steht, und warum Regierungen sich in dieser Situation ohnmächtig mit dem Rücken zur Wand vorfinden, dem sei die Lektüre des sechsseitigen, von Bundesbankpräsident Weber und BaFin-Chef Sanio unterzeichneten Schreibens dringend empfohlen.

14. Okt. 2008: „Eher vertuscht als aufgedeckt“ – Interview von Frontal21 mit Prof. Udo Reifner, Direktor des Instituts für Finanzdienstleistungen (IFF) an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, über die Rolle der BaFin in der Finanzmarktkrise.

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Nobelpreisträger Stiglitz: „Schlimmer als die Große Depression“

Verfasst von Markus Wichmann am 10. Oktober 2008

Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz gab der ZDF-Sendung Frontal21 in dieser Woche ein Interview, in dem er Banken, Aufsichtsbehörden und der US-Regierung Versagen vorwarf. Hier die Kernaussagen:

Schuld an der Krise sind vor allem die Banken. Ihre Aufgabe ist es, Kapital zu sammeln, es aufzuteilen und die Risiken zu beherrschen. Dafür wurden sie belohnt. Mehr als 30 Prozent aller Unternehmensgewinne in den USA sind in die Finanzbranche geflossen. Aber ihre Aufgabe haben sie nicht erfüllt. Sie haben das Kapital verteilt, in Häuser investiert, die die Menschen nicht bezahlen konnten. Sie haben das Risiko nicht beherrscht, sie haben es erst geschaffen.

Die Finanzwelt muss dafür zahlen, was sie angerichtet hat. In der Umweltökonomie gilt das Verursacherprinzip: Wer verschmutzt, muss für die Beseitigung sorgen. Auf das Finanzsystem übertragen heißt das: Die Banken haben die Weltwirtschaft mit vergifteten Hypothekenkrediten verseucht. Jetzt müssen sie für die Säuberung bezahlen. Sie haben in den vergangenen Jahren Abermilliarden Gewinne gemacht. Jetzt müssen sie die Reparatur der amerikanischen Wirtschaft bezahlen.

Schuld tragen aber auch die Aufsichtsbehörden, die US-Notenbank und ihr früherer Chef Alan Greenspan. Als mehr Regulierung gefordert wurde, als vor einer Blase gewarnt wurde, lehnte er das ab mit der Begründung, es sei nur ein bisschen Schaum. Er hat gesagt: Das kriegen wir hin. Aber er sagte nicht, dass es den Steuerzahler Milliarden Dollar kostet.

Schuld ist auch die Regierung von Präsident Bush mit ihrer Mentalität des Freien Marktes. Diese Haltung wurde besonders von den Republikanern gefördert, aber fand oft auch Unterstützung in beiden Parteien. Und Wall Street kaufte sich diese Politik, um noch mehr Geld zu machen. Das alles auf Kosten der amerikanischen Arbeiter, der Hausbesitzer, der Steuerzahler und der Weltwirtschaft.

Wir haben besonders in den USA einen völligen Mangel an Kompetenz, an Führungskompetenz an der Spitze. Der Präsident weigert sich, das Nötige zu tun. Kern des Problems ist die enorm hohe Zahl von Zwangsvollstreckungen. Drei Millionen Amerikaner haben bereits ihre Häuser verloren und es werden weitere zwei Millionen dazukommen. Dennoch lehnt es der Präsident ab, dagegen etwas zu tun. Das Rettungspaket wird da wenig ausrichten.

Ich gehe davon aus, dass die Krise noch schlimmer werden wird. Das Rettungspaket, das vom US-Kongress verabschiedet wurde, ist nicht gut konzipiert. Das Hauptproblem ist ein Loch in der Bilanz der Banken, das Ergebnis der Vergabe fauler Kredite. Damit handelt es sich nicht nur um eine Vertrauenskrise, nicht nur um ein psychologisches Problem – es war etwas ganz Reales geschehen. Das Loch in der Bilanz muss gefüllt werden – und das Rettungspaket erfüllt diese Anforderung nicht. Bei weiter fallenden Immobilienpreisen, bei der Ausweitung wirtschaftlicher Schwierigkeiten, von den USA nach Europa, wird das nicht reichen, Vertrauen wieder herzustellen.

Das ist ganz offensichtlich die schlimmste Krise seit der Großen Depression. In mancher Hinsicht ist sie noch schlimmer. Bei der Großen Depression gab es auch einen Vertrauensverlust gegenüber den Banken. Aber die Banken hatten sichere und einfache Produkte. Jetzt aber haben wir ein globales Wirtschaftssystem, ein hohes Maß an Wechselbeziehungen und komplexe Produkte.

Wenn der Fall der Berliner Mauer das Ende des Kommunismus bedeutete, dann bedeuten diese Septembertage das Ende des Marktfundamentalismus, des Glaubens, dass der Markt sich selbst reguliert, ohne den Staat auskommt.

Erheblich detaillierter äußert sich Stiglitz in einem sehr lesenswerten Interview mit der Berliner Zeitung vom 9. Oktober 2008.

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Finanzkrise: Analysen und Hintergrundinformationen

Verfasst von Markus Wichmann am 9. Oktober 2008

Wo findet man derzeit differenzierte, fachkundige Analysen und Hintergrundinformationen  zu Ursachen und Folgen der Finanzkrise, die über das hinausgehen, was man in der (Wirtschafts-) Presse lesen kann?

Hier zunächst zwei Webseiten, weitere werden folgen:

„RGE Monitor delivers ahead-of-the-curve global economic insights that financial professionals need to know. Our analysts define the key geostrategic debates and continuously distill the best thinking on all sides. (…) RGE Monitor was founded in 2004 by a prestigious team of economic and political experts. Today, thousands of senior managers at first-tier public and private financial institutions rely on our insights.“

Roubini gehörte zu denen, die bereits Ende 2006 vor einer bevorstehenden schweren Krise an den Finanzmärkten gewarnt haben. „Der Tagesspiegel“ veröffentlichte damals einen ausführlichen Bericht über den Ökonomen, seine Crashwarnungen und seine auch von Fachleuten vielgelesene Webseite.

Das hervorragende, in mehreren Sprachen erscheinende Project Syndicate veröffentlicht in der Rubrik „Finance in the 21st Century“ zentrale Artikel von Roubini sowie von dem Yale-Ökonomen Robert J. Shiller auch in deutscher Sprache.

11. Dez. 2008: „Gestatten, Dr. Doom – Star-Ökonom Nouriel Roubini“ (Die Zeit)

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Die Notenbanken und der Kult der Markteffizienz

Verfasst von Markus Wichmann am 8. Oktober 2008

Über die Rolle der Notenbanken in Finanzkrisen und deren Vorgehen auf der Basis höchst fragwürdiger volkswirtschaftlicher Theorien ist soeben eine hochgelobte Untersuchung des englischen Volkswirts George Cooper erschienen: The Origin of Financial Crises: Central Banks, Credit Bubbles and the Efficient Market Fallacy. Der Economist veröffentlichte eine ausführliche Rezension. Auch bei Amazon finden sich einige interessante Reviews. Der Autor selbst zur gegenwärtigen Krise:

„In terms of its size and global reach today’s credit crunch is probably the biggest financial crisis in history and still has some way to run. That said this is not a unique event, it’s following a well trodden boom-bust pattern which, as I’ve tried to explain in the book, is an inherent feature of the financial system. It has been the same story throughout history going right back to the South Sea bubble and before.

What’s made this crisis particularly severe is that the cult of ‘market efficiency’ has made it impossible for central bankers and policy makers to do their job properly. The cult of market efficiency has lead to all sorts of daft policies and ideas, particularly that central banks should ignore asset price bubbles.“

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TurboRezession

Verfasst von Markus Wichmann am 7. Oktober 2008

Sieht das nicht schick aus mit CamelCase: TurboRezession? Im Augenblick haben wir noch gut lachen. Genießen Sie es – die Rezession kommt mit Riesenschritten. Im September Finanzkrise, heute bereits allgemeiner Abschwung. Der Turbokapitalismus erledigt auch dies im beschleunigten Verfahren.

Die heutigen Meldungen: Der Auftragseingang bricht weg, SAP verkündet einen Einstellungsstop, Opel bereits Kurzarbeit. Die Automobilindustrie spürt es immer als erste, und diesmal kommt hinzu, dass potenzielle Autokäufer nur noch schwer einen Kredit bekommen. Island ist praktisch Pleite. Einige Banker dort haben ein riesiges Rad gedreht und Verluste in Höhe des Dreifachen des isländischen Bruttosozialprodukts eingefahren. Da ist nichts mehr mit in die Hände gespuckt. Da ist Schicht im Schacht.

Von jetzt an werden die schlechten Nachrichten von Tag zu Tag zunehmen. Von den Finanzmärkten, aber auch aus der Realwirtschaft. Die armen Metallarbeiter, deren Tarifverhandlungen heute begonnen haben. Gewerkschaftliche Forderung 8 (acht) Prozent Lohnerhöhung. Das haben die sich im Sommer überlegt, da war im Maschinenbau noch Hochkonjunktur. Können sie ja nicht gleich heute von abrücken. Sollte mal so’n richtiger Schluck aus der Pulle werden. Wird nun wieder nichts draus.

Nächstes Jahr werden die Steuereinnahmen wegbrechen, und die Arbeitslosigkeit wieder zunehmen. Die Legislaturperiode der Großen Koalition mit Angela Merkel an der Spitze wird uns rückblickend als Blütezeit erscheinen. Der übrigens Gerhard Schröder den Weg bereitet hat, nicht Angie. Wie sagte der immer? „Nur die Harten kommen in den Garten“ („…komm’ in’n Garten“, sagte er eigentlich). Blöder Spruch, hatte aber was. Überhaupt – der Mann hatte Format. So in die Richtung Helmut Schmidt. Aber die beiden könnten uns heute auch nicht helfen. Niemand kann uns helfen.

Depressiver Artikel geworden.

Tja, so funktioniert Rezession.

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Absturzgefahr: Ikarus und der fragile Kapitalismus

Verfasst von Markus Wichmann am 7. Oktober 2008

Wussten Sie, dass unser Wirtschafts- und Finanzsystem derart leicht zerbrechlich ist, wie es sich jetzt zeigt? Banken verlieren mal eben das Vertrauen in ihre gegenseitige Kreditwürdigkeit, hören einfach auf, sich untereinander Geld zu leihen, und schon droht das ganze System zu kollabieren. Dass Finanzkonzerne heutzutage weltweit eng vernetzt sind und dies Risiken birgt, war uns ja klar – aber doch mehr abstrakt. Die Brisanz der Lage, die Größenordnung des drohenden Problems, das sich da im Stillen aufgebaut hat, haben wir massiv unterschätzt. Dass einige wenige Bankpleiten und -schieflagen eine fatale Kettenreaktion auslösen und das gesamte Finanzsystem zur Implosion führen können, und der entscheidende Transmissionsriemen ist das fehlende Vertrauen der Banker in ihre eigene Branche – das überrascht die meisten von uns doch kalt.

Dabei wird vor einem Crash der Finanzmärkte seit langem gewarnt. Seit Jahrzehnten bemüht sich eine kleine Schar von Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten, uns derartige Szenarien nahezubringen. Die gigantischen Schuldenberge, die sich angehäuft haben, würden das System eines Tages überfordern und in den Untergang führen, so prophezeiten sie gebetsmühlenartig. Irgendwann einmal könnten die Verbindlichkeiten nicht mehr bedient werden, und die entsprechenden Kredite müssten von den Banken wertberichtigt werden. Auch die Asset-Bewertungen der Finanzkonzerne – Immobilien, Aktien etc. – würden einbrechen und Wertberichtigungen in den Bilanzen nach sich ziehen. Die unvermeidlichen Insolvenzen von Banken und Finanzkonzernen würden eine Dominowirkung entfalten und infolge des hohen internationalen Vernetzungsgrades der Märkte die gesamte Weltwirtschaft in eine Abwärtsspirale ziehen. Eine tiefe weltweite Rezession, so die unheilvolle Prognose, wäre die Folge.

Ich für meinen Teil habe die Untergangspropheten und ihre Argumente zwar registriert, aber wirklich ernst genommen habe ich sie nicht. Zumal sie – „tausend Mal ist nichts passiert…“ – jahrzehntelang falsch lagen. Zwar platzten immer mal irgendwelche Blasen, meistens in Form von exzessiv überhöhten Immobilienpreisen, aber die Folgen blieben doch eher lokal begrenzt. Und die Globalisierungskritiker – Attac und Co. – warnten vorwiegend vor der Ungerechtigkeit des gegenwärtigen Weltwirtschaftssystems und vor seinen schädlichen Auswirkungen für die Entwicklung der Dritten Welt, nicht aber vor einer Finanzkrise, wie wir sie jetzt erleben.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Die weit überwiegende Mehrheit der Kommentatoren war der festen Überzeugung, die Notenbanken hätten die Lage voll im Griff. Moderne Notenbanker wüssten, wie sie die Märkte zu behandeln und auch in Krisenzeiten am Laufen zu halten hätten. Ihnen stünden heute eine Vielzahl von Steuerungsmechanismen zur Verfügung, und sie beherrschten dieses Instrumentarium virtuos. Allen voran Alan Greenspan, fast 19 Jahre an der Spitze der US-Notenbank. Der heute 82jährige, immer noch munter im Geschäft, wurde kürzlich in einem Fernsehinterview gefragt, ob denn dies die schwerste Finanzkrise sei, die er persönlich erlebt habe. „Oh yes, by far“ war seine Antwort, und Sie hätten die weitaufgerissenen Augen sehen sollen. Dass seine jahrelange Niedrigzinspolitik, die „Politik des leichten Geldes“, die Blase am US-Immobilienmarkt erst ermöglicht und zur jetzigen Krise wesentlich beigetragen hat, wollte er nicht wahrhaben.

Nicht die Notenbanker, so Greenspan, die Investmentbanker hätten das Problem heraufbeschworen mit ihren schwer verständlichen Kreationen, die sich nun als so toxisch erwiesen haben: Finanzinnovationen wie Kreditderivate und Collateralized Debt Obligations (CDOs), „bei denen die Kreditausfallrisiken vom eigentlichen Kredit abgekoppelt und als separate Wertpapiere gehandelt werden, wobei die Papiere oft gehebelt sind, sodass der Ausfall eines Emittenten von 100 Millionen Euro bei den Investoren Verluste von mehreren Hundert Millionen Euro verursachen kann“ (Die Zeit 38/2008, „Das dicke Ende kommt erst noch“); oder Forderungsbesicherte Wertpapiere wie Mortgage Backed Securities, mit denen Forderungen gebündelt und als Wertpapiere auf Sekundärmärkten gehandelt wurden. Dass die zugrundeliegenden Forderungen – meist aus Subprime-Hypothekendarlehen – leicht uneinbringlich werden können und die darauf aufbauenden Wertpapiere dann eben nicht mehr forderungsbesichert sind, sondern wertlos, und in den gehandelten Größenordnungen in diesem Fall eine außerordentlich giftige Wirkung an den Finanzmärkten entfalten würden: all das hätte man wissen können, aber die Sucht nach dem schnellen Geld war größer.

Die archetypischen Muster der Fallen, in die wir da getappt sind, sind gut bekannt. Wir haben ein typisches Zauberlehrling-Problem – „die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los“. Die Banker berauschten sich an ihren neugewonnenen Handlungsspielräumen und ignorierten das toxische Potenzial ihrer Konstruktionen für das Gesamtsystem. Auch die staatlichen Bankenaufseher, für Risiken und Nebenwirkungen in diesem Bereich eigens zuständig, übersahen die Gefahr, dass die potenziell schädlichen Bestandteile der neugeschaffenen Finanzderivate sich akkumulieren könnten und so ganz real eine Situation entstehen könnte, die nicht mehr kontrollierbar wäre – ähnlich einer zu einem Supergau führenden Kettenreaktion in einem Kernkraftwerk. Wie dieses „Übersehen“, dieses sorglose Nicht-Wahrhaben-Wollen, ganz konkret abgelaufen ist, schildert die New York Times eindrucksvoll am Beispiel der amerikanischen Regulierungsbehörde SEC.

Aber auch Ikarus finden wir wieder: allzu hoch hinaus wollte man. Die problematischen Innovationen wurden auch deshalb entwickelt, um mit immer gigantischeren Summen und Hebelwirkungen an den Finanzmärkten jonglieren und spekulieren zu können. Die Welt, auch die Fachwelt, sah dem Treiben zu, und wer irgendwie konnte, beteiligte sich am großen Gewinnspiel. Jetzt bricht all das zusammen wie ein Kartenhaus. Am Ende haben die Crashpropheten Recht behalten.

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Ludwig Poullain, 88, in den 1970er Jahren Chef der Westdeutschen Landesbank, hat seinen heutigen Berufskollegen mal wieder gehörig die Leviten gelesen. In einem gestern erschienenen Interview mit der FAZ„Die Banker haben die Marktwirtschaft verraten“ – nimmt er kein Blatt vor den Mund und erläutert prägnant die wesentlichen Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise, die er im übrigen als außerordentlich bedrohlich einschatzt. Zuletzt war der streitbare Altbanker vor vier Jahren durch die Schlagzeilen gegangen, als er zur Verabschiedung eines Berufskollegen eine Festrede halten sollte, die jedoch abgesagt wurde, nachdem Ausschnitte daraus bekannt wurden.  Man wollte sich die Feier nicht verderben lassen. Diese „Ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes“ wurde daraufhin ebenfalls in der FAZ veröffentlicht – mit großer Resonanz.

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Finanzkrise: Die Stimmung zur Lage

Verfasst von Markus Wichmann am 4. Oktober 2008

„How confident are you that the financial bailout package approved by Congress will ease the economic crisis?“ fragt msnbc online.

Bisher antworteten etwa 125.000 – vorwiegend amerikanische – Leser. Hier das Ergebnis.

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