Wenn Sie mal lesen wollen, welcher Blödsinn in der Blogosphäre manchmal geschrieben wird, schauen Sie sich den heutigen Artikel des „Transatlantikblogs“ zum 11. September an. (Bei den von Topblogs gelisteten 214 Politikblogs steht der Transatlantikblog derzeit immerhin an 17. Stelle.)
Dort versteigt man sich ernsthaft zu der These, die Terroranschläge von 9/11 sollten als „Kunstwerk“ betrachtet werden. Ein Interview des Komponisten Stockhausen wird zitiert, in dem dieser den Anschlag als „das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat“ bezeichnete.
Der Blogautor erläutert das näher. Bei dem Angriff habe es sich nicht um den Vollzug des Willens Allahs gehandelt, sondern um Menschenwerk: „Die Realisierung einer, wie Stockhausen sagte, monströsen Phantasie. Und damit Kunst. Eine umgesetzte Todesphantasie. Mörderische Kunst.“
Die Realisierung monströser Phantasien, die das Töten von Menschen zum Inhalt haben: Kunst? Hitlers Rassenwahn und dessen Realisierung im Holocaust – Kunst? Auschwitz – ein Happening?
Über Shakespeare („Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frau’n und Männer, bloße Spieler.“) kommt der Verfasser zu Nietzsche:
„Und ganz in dieselbe Richtung geht der weise Satz Friedrich Nietzsches, die Welt liesse sich ausschließlich als “ästhetisches Phänomen” rechtfertigen. Das bedeutet, es gibt keinen tieferen Sinn in der Welt als den, den die potentiell mit großen Gaben ausgestatteten Menschen schöpferisch (und zerstörerisch) hineinzulegen imstande sind.
Da es einen “übergeordneten Sinn” nicht gibt und es damit einer allgemeingültigen Rechtfertigung fehlt, bleibt lediglich die Perspektive des Menschen-Spektakels.“
Einen „übergeordneten“ (von Gott der Welt mitgegebenen) Sinn mag es tatsächlich nicht geben, nachdem Nietzsche überzeugend den Tod Gottes festgestellt hat. Aber deshalb fehlt es uns keineswegs an „allgemeingültigen Rechtfertigungen“. Die Menschen selbst formulieren sie, in Form von Gesetzen, die sie für verbindlich erklären und so ihr Zusammenleben regeln – ein zentraler Bestandteil des menschlichen Sinngebungsprozesses. Das Tötungsverbot ist da grundlegend – wir wollen schließlich leben. Das hätte Nietzsche gewiss nicht anders gesehen, und Shakespeare schon gar nicht. Bei letzterem ist dem Verfasser der Sinn für das Metaphorische abhanden gekommen. Aus den Augen verloren hat er aber vor allem die Unterscheidung von Kunst – dem Spielerischen – und dem realen, profanen Alltagsleben. Dieses indessen ist manchmal durchaus eine Veranstaltung auf Leben und Tod.

