Denkraum

Ideen für das 21. Jahrhundert

Der Mensch – ein „Gott der Erde“?

Verfasst von Markus Wichmann am 25. März 2007

„Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen. Und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.“ Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre I,17

Hat er das nicht toll gesagt, unser großer Dichter und Denker? Wenn er wüßte, wie weit wir heute, gut 200 Jahre später, davon entfernt sind.

Das Gewebe unserer Welt wird von Menschen gemacht. Menschen, die sich in Lebensverhältnissen vorfinden, Bedürfnisse haben, außerdem gewisse Fähigkeiten, mit denen sie ihre Interessen verfolgen. Die sind oft alles andere als vernünftig. Das mit der Vernunft, diesen Eindruck muss man haben, hat der Homo sapiens in seiner Gesamtheit inzwischen mehr oder weniger aufgegeben.

Der von der Aufklärung inspirierte Gedanke, als vernunftbegabtes, mündiges Wesen ein „Gott der Erde“ zu werden, hat sich kaum durchsetzen können. Irgendwie läuft heute alles in eine andere Richtung. Zwar verfügen wir über eine grandiose „instrumentelle“ Intelligenz, die uns zu wissenschaftlich-technischen Leistungen befähigt, über die man nur staunen kann – aber Vernunft? Weisheit gar? Homo sapiens?

Kant, Was ist Aufklärung?

Viele wollen diese persönliche Autonomie gar nicht, sie macht ihnen Angst. Anstatt sich ihres „eigenen Verstandes zu bedienen“, wie Kant empfahl, glauben sie lieber den „heiligen Schriften“ auf’s Wort, und leugnen alles, was da nicht hineinpasst, sogar rational nicht bestreitbare Tatsachen wie die Evolution. Sie brauchen das Gefühl, der allmächtige Gott, den sie an den Himmel projizieren, wird es schon richten und letztlich gut zu ihnen sein. Wenn nicht jetzt, dann eben im Jenseits.

Warum tun die das? Wie funktioniert so ein Fundamentalist? Oder ein Fanatiker ? Warum gibt es heute so viele Menschen, die Religion nicht zum „Heil“ führt, sondern zu erschreckend pathologischem Denken und Handeln? Kann man etwas dagegen tun?

Papst Benedikt – man mag zu ihm stehen, wie man will – nennt an dieser Stelle die Dinge immerhin beim Namen und spricht von „Pathologien der Religion“.

Heute, wo wir die Pathologien, die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Haß und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen. Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in seinem Regensburger Vortrag

Eine interessante Frage ist, ob es sich tatsächlich um Pathologien der Religion handelt oder nicht vielmehr um Pathologien von Menschen, die extreme religiöse oder ideologische Überzeugungen an passender Stelle in ihre bereits vorgängig gestörte mentale Struktur einbauen. Bekanntlich gibt es bei vielen Menschen die Disposition, eine persönliche Orientierung in extremen Glaubensinhalten zu suchen und zu finden. (Dass man mit dieser Disposition sogar frei gewählter amerkanischer Präsident werden kann, ist allerdings ein Trauerspiel besonderer Art…)

2 Antworten zu “Der Mensch – ein „Gott der Erde“?”

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