Denkraum

Ideen für das 21. Jahrhundert

Archiv für März 2007

Nähere Anmerkungen zur „Wunderheilung“

Verfasst von Markus Wichmann am 31. März 2007

Die International Herald Tribune brachte gestern einen großen Bericht über die auf wundersame Weise von der Parkinson-Krankheit geheilte französische Nonne, mit Einzelheiten über die Abläufe. Hier ein Auszug:

„Diagnosed in 2001 with Parkinson’s, a degenerative disease of the nervous system, she said that her symptoms grew worse over time. She had difficulty walking, writing and driving a car. She could not sleep and her hands trembled. Her body was wracked with pain.

John Paul became an inspiration for her because of his own very public suffering from Parkinson’s disease in the decade before his death on April 2, 2005. It also became too painful for her to watch him on television, because, she said, „To be honest, I saw myself in the years to come in a wheelchair.“

But her fellow nuns, the Little Sisters of Catholic Maternity Hospitals in Puyricard near the southeastern town of Aix-en-Provence, prayed to the pope for her recovery.

In June 2005, exactly two months after the pope’s death, she asked to be relieved of her duties as supervisor of a 40-bed maternity ward. Her mother superior told her to write the name of John Paul on a piece of paper, but the words were illegible.

Later that night, after her evening prayers, a voice from within told her to pick up a pen and write. She was stunned to see that she could write legibly again.

When she awoke early the next morning, she said, she felt „completely transformed. I felt that my body was no longer the same and that I was no longer the same,“ she said, adding that it was „a bit like a second birth.“

After her recovery, she told one of her fellow nuns: „Look at my hand. It is no longer trembling. Jean Paul II has cured me.“

Nun wird ein von der „Kongregation für Heiligsprechungen“ zusammengestelltes Ärzteteam die Sache genau untersuchen und dann entscheiden, ob die überraschende Genesung der Ordensschwester tatsächlich ein Wunder war.

Nach Angaben der Herald Tribune verlangt Papst Benedikt eine eindeutige Verifikation – und zwar den Beweis eines „physikalischen“, nicht nur eines „moralischen“ Wunders. Die Angelegenheit müsse, so Benedikt in einem Brief an die Kongregation, tiefgehend „im Lichte der kirchlichen Tradition, der modernen Theologie und des anerkannten wissenschaftlichen Forschungsstandes untersucht werden“.

Es wäre gut, wenn der Vatikan auch psychosomatisch und psychodynamisch geschulte Experten in die Untersuchungskommission berufen würde. Vor allem sollte die Sicherheit der ursprünglichen Diagnose überprüft werden. Bereits dem Zeitungsbericht lassen sich mühelos Anhaltspunkte für psychodynamische Zusammenhänge entnehmen.

Die Ordensschwester war erst 40, als die Symptomatik bei ihr begann, also untypisch jung für eine Parkinson-Erkrankung. Offenbar identifizierte sie sich sehr mit dem an dieser Krankheit bekanntlich schwer leidenden Papst. Er sei „eine Inspiration“ für sie geworden wegen seines „öffentlichen Leidens“. Ihn im Fernsehen zu sehen, sei jedoch „zu schmerzhaft“ für sie gewesen – sie habe sich in den nächsten Jahren dann selbst schon im Rollstuhl gesehen.

Am Tag der Heilung eröffnete die Nonne ihrer Ordensmutter ihren Wunsch, wegen der Krankheit von ihren damaligen Pflichten entbunden zu werden. Die Oberin habe sie daraufhin einem Test unterzogen: den Papstnamen habe sie schreiben sollen, der wegen des parkinsontypischen Zitterns jedoch unlesbar gewesen sei. Nach dem Abendgebet habe ihr dann eine innere Stimme gesagt, sie solle erneut einen Stift nehmen und schreiben, was nun plötzlich wieder möglich war. Am nächsten Morgen habe sie sich wie neugeboren gefühlt.

Es wäre unseriös, auf der Grundlage dieser wenigen Informationen Spekulationen über die Art der psychodynamischen Zusammenhänge anzustellen. Gleichwohl: Der „heilige Johannes Paul“ oder der alte Freud, das ist hier die Frage.

Übrigens ist die Parkinson-Diagnose nach einem Bericht der San Diego Union Tribune angeblich in einem Fünftel aller Fälle falsch:

„As many as 200,000 of the estimated 1 million people in North America who learn they have Parkinson’s disease, a progressive disorder marked by tremors and slow movement, may be misdiagnosed because the condition requires special expertise to recognize and treat.“

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Delphine – mit dem Kapitalismus konfrontiert

Verfasst von Markus Wichmann am 28. März 2007

Wenn Tiere zur Ware werden, werden Menschen zum Tier. Raubtiere töten ihre Beute jedoch meistens rasch und gezielt.

Auf dieses Video bin ich zufällig gestoßen. Was gezeigt wird, ist Teil unserer Wirklichkeit. Schauen Sie es sich nur dann an, wenn Sie einiges abkönnen. Ich habe es hier mit aufgenommen, weil es zu denken und zu fühlen gibt, und eindrucksvoll an das menschliche Verrohungspotenzial erinnert.

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Religionspathologie: Katholische Kirche gibt Wunder bekannt

Verfasst von Markus Wichmann am 28. März 2007

Eben habe ich Papst Benedikt noch gelobt, weil mir seine Wortschöpfung „Pathologien der Religion“ so treffend erschien, und nun dies: Ein Wunder will man gefunden haben, das der letzte Papst vollbracht haben soll. Eine schwerkranke französische Ordensfrau soll er geheilt haben. Dokumente sollen dies belegen, die dem Vatikan am Montag übergeben werden. Eigens eine Messe wird aus diesem Anlass gefeiert, zu der Pilger aus der ganzen Welt erwartet werden. Zwei Jahre lang werden die Dokumente dann geprüft, erst danach darf Papst Johannes Paul II. selig gesprochen werden. Ihn gleich heilig zu sprechen, wie die Gläubigen bei seiner Beerdigung mit „santo subito“- Rufen forderten, kommt nicht in Frage. Unser deutscher Papst achtet streng auf die Einhaltung der kirchenrechtlichen Regeln.

Nun richtet dies alles zwar keinen direkt erkennbaren Schaden an, wie z.B. die menschenverachtende Haltung der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung in Zeiten von Aids – aber eine Pathologie der Vernunft, die der Papst gewöhnlich in einem Atemzug mit den Religionspathologien nennt, ist es schon.

Es gibt noch viel zu tun, lieber Benedikt, um Deinen Laden aus dem Mittelalter ins 21. Jahrhundert zu führen…

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Mein Blog zu „PsychoNeuro“ – Themen

Verfasst von Markus Wichmann am 26. März 2007

PsychoNeuro ist mein zweiter Blog. Eigentlich war es mein erster – mehr wird es kaum geben. Er deckt die Themen ab, mit denen ich mich beruflich befasse (s. Über PsychoNeuro, dort der letzte Absatz).

Besonders interessieren mich Fragen und Erkenntnisse, die sich aus der Konfrontation der Psychologie und anderer Wissenschaften vom Menschen mit den Neurowissenschaften bzw. der Hirnforschung ergeben. Die Verbindung psychologischer, psychoanalytischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse stellt gegenwärtig eine große Herausforderung dar.

Das Internet bietet die interessante Möglichkeit, mit Hilfe von Blogs, Wikis und kollaborativen Projekten zu einer interdisziplinären Diskussion und Erkenntnisbildung beizutragen, auch unabhängig von den gewachsenen Forschungseinrichtungen und den dort angesiedelten scientific communities. Zudem wird es möglich, die einschlägigen Diskurse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Aus der Denkraum-Perspektive betrachtet ist das Internet aus diesen Gründen natürlich ein Hoffnungsträger. Zwar trägt es einerseits zu der gigantischen Informationsüberflutung bei, der wir ausgesetzt sind, stellt andererseits jedoch Möglichkeiten zu einem verbesserten Wissensmanagement bereit.

Entscheidend ist, ob relevantes Wissen zusammengetragen und übersichtlich und verständlich dargeboten wird. Und ob daraus Ideen entwickelt werden, die uns weiterhelfen können. Der „Denkraum“ ist ein Versuch in dieser Richtung.

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Der Mensch – ein „Gott der Erde“?

Verfasst von Markus Wichmann am 25. März 2007

„Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen. Und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.“ Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre I,17

Hat er das nicht toll gesagt, unser großer Dichter und Denker? Wenn er wüßte, wie weit wir heute, gut 200 Jahre später, davon entfernt sind.

Das Gewebe unserer Welt wird von Menschen gemacht. Menschen, die sich in Lebensverhältnissen vorfinden, Bedürfnisse haben, außerdem gewisse Fähigkeiten, mit denen sie ihre Interessen verfolgen. Die sind oft alles andere als vernünftig. Das mit der Vernunft, diesen Eindruck muss man haben, hat der Homo sapiens in seiner Gesamtheit inzwischen mehr oder weniger aufgegeben.

Der von der Aufklärung inspirierte Gedanke, als vernunftbegabtes, mündiges Wesen ein „Gott der Erde“ zu werden, hat sich kaum durchsetzen können. Irgendwie läuft heute alles in eine andere Richtung. Zwar verfügen wir über eine grandiose „instrumentelle“ Intelligenz, die uns zu wissenschaftlich-technischen Leistungen befähigt, über die man nur staunen kann – aber Vernunft? Weisheit gar? Homo sapiens?

Kant, Was ist Aufklärung?

Viele wollen diese persönliche Autonomie gar nicht, sie macht ihnen Angst. Anstatt sich ihres „eigenen Verstandes zu bedienen“, wie Kant empfahl, glauben sie lieber den „heiligen Schriften“ auf’s Wort, und leugnen alles, was da nicht hineinpasst, sogar rational nicht bestreitbare Tatsachen wie die Evolution. Sie brauchen das Gefühl, der allmächtige Gott, den sie an den Himmel projizieren, wird es schon richten und letztlich gut zu ihnen sein. Wenn nicht jetzt, dann eben im Jenseits.

Warum tun die das? Wie funktioniert so ein Fundamentalist? Oder ein Fanatiker ? Warum gibt es heute so viele Menschen, die Religion nicht zum „Heil“ führt, sondern zu erschreckend pathologischem Denken und Handeln? Kann man etwas dagegen tun?

Papst Benedikt – man mag zu ihm stehen, wie man will – nennt an dieser Stelle die Dinge immerhin beim Namen und spricht von „Pathologien der Religion“.

Heute, wo wir die Pathologien, die lebensgefährlichen Erkrankungen der Religion und der Vernunft sehen, die Zerstörungen des Gottesbildes durch Haß und Fanatismus, ist es wichtig, klar zu sagen, welchem Gott wir glauben und zu diesem menschlichen Antlitz Gottes zu stehen. Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in seinem Regensburger Vortrag

Eine interessante Frage ist, ob es sich tatsächlich um Pathologien der Religion handelt oder nicht vielmehr um Pathologien von Menschen, die extreme religiöse oder ideologische Überzeugungen an passender Stelle in ihre bereits vorgängig gestörte mentale Struktur einbauen. Bekanntlich gibt es bei vielen Menschen die Disposition, eine persönliche Orientierung in extremen Glaubensinhalten zu suchen und zu finden. (Dass man mit dieser Disposition sogar frei gewählter amerkanischer Präsident werden kann, ist allerdings ein Trauerspiel besonderer Art…)

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Aufschlag! – oder: „wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge…“

Verfasst von Markus Wichmann am 24. März 2007

Dies ist der Versuch, einen neuen Denkraum in die Welt zu setzen.

Es ist reizvoll, dieses Medium zu nutzen, um einen virtuellen Ort zum Nachdenken zu gestalten. Hoffentlich bald gemeinsam mit anderen, denn allein denken ist ein einsames Vergnügen. Mitdenker sind also hoch willkommen.

Natürlich werde ich den Denkanstoß geben: wer einen Blog startet, ist der Aufschläger.

Ein Denkraum über uns Menschen und die kulturellen Formen, in denen wir uns heute vorfinden, soll es werden. Über die menschliche Natur, wie sie sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, und über die Zutaten der Zivilisation.

Über die unterschiedlichen Kulturen, die sich herausgebildet haben – und die in der globalisierten Welt heute intensiver aufeinanderstoßen als je zuvor. Manche kommen recht gut miteinander aus, andere nicht. Warum? Kann man das ändern? Was wäre zu tun?

Das Besondere dieses Denkraums ist die Verbindung der Blickrichtungen: Auf unsere Natur, unsere Zivilisation, und auf deren Zusammenspiel. Nicht nur um Betrachtungen auf der politischen, gesellschaftlichen und soziologischen Ebene soll es hier gehen, sondern immer auch die Frage gestellt werden, wie die menschliche Natur in das Geschehen hineinspielt - welche Phänomene des politischen Weltgewebes und unseres gesellschaftlichen Alltags von dieser Seite her erhellt werden können.

Das Problem ist, wie wir so darüber sprechen können, dass natur- und geistes- bzw. sozialwissenschaftliche Betrachtungen aneinander anschließen, sich ergänzen und befruchten. Dass wir uns trotz unterschiedlicher Perspektiven auf das Ganze verständigen können, über die Grenzen der Weltbilder hinweg, in denen wir denken und verstehen gelernt haben – und nun mit einem gewaltigen Babel scheinbar inkompatibler Modelle und Jargons leben müssen. Da will dieser Denkraum Übersetzungs- und Verständigungsarbeit leisten.

Natürlich sind es immer die Tiefenstrukturen, die interessieren – z.B. hinsichtlich der Formen, die unsere Zivilisation angenommen hat. Welche Triebkräfte gestalten sie? Welche grundlegenden Muster sind zu erkennen? An welchen können wir weiter weben, und welche sollten wir besser beenden, weil sie uns ins Verderben zu führen drohen.

Ist unsere Welt überhaupt noch zu retten, oder ist es aussichtslos? Läuft das ganze komplexe System aus dem Ruder, ohne dass wir es noch in den Griff kriegen können? Bleibt uns nur, das bewusste Apfelbäumchen zu pflanzen?

Dies jedenfalls ist eins. Möglichst soll es mehr werden: eine Mischung aus eWorkshop, Chautauqua und virtuellem Salon vielleicht. Wenn`s denn gelingt.

Nochmal: Mitdenker sind willkommen!

Markus Wichmann

Veröffentlicht in Homo Sapiens, Online-Collaboration, Zivilisationskonflikte, Zukunftsweisendes | 3 Kommentare »